“Zum Abschied versucht er, mich auf den Mund zu küssen. Ein dreimonatiges Praktikum endete und ich brachte ihm nur noch schnell die Schlüssel zur Agentur zurück, gratulierte zum Geburtstag mit einem Handschlag. Es trennen uns nicht nur zwanzig Jahre Altersunterschied, sondern auch die Hierarchie von Praktikantin zu Chef, einem hochangesehenen Manager. Meine Lippen bringen gerade noch ein leises “Nein, danke” hervor, bevor mein Inneres zu explodieren droht.

“Nein, danke”?! Das hier war kein Angebot unter Geschäftspartnern oder Freunden, es war eine Grenzüberschreitung! Sexuell, persönlich und unverschämt. Vor ein paar Sekunden noch hielt ich so viel von diesem Mann – er hatte mir den Fuß in die Tür der Medienwelt verschafft, mir viel in den drei Monaten meines Praktikums gezeigt. Und jetzt wollte er mich am liebsten direkt in seinem Büro nach Feierabend vernaschen, “mich hübsches Ding.” Doch meine Erziehung und Höflichkeit verwandelten seinen Kussversuch in ein Angebot, welches ich versuchte, freundlich und bestimmt abzulehnen. Ich sollte scheitern. “Sicher, dass du nicht willst?”, fragte er. Wir waren nie per Du. Das Nicken, Ausdruck meiner Abneigung, war eine Spur zu hysterisch, doch hätte sich meine Stimme zu überschlagen gedroht, allein bei dem Versuch, zu antworten.

Ich stürmte hinaus, kalte Novemberluft schlug mir ins Gesicht. Mein Herz raste.

Warum ich diesem Mann nicht sofort die Meinung geigte? Weil sich das nicht gehört – zumindest schien mir das in diesem Moment so. Er war schließlich mein ehemaliger Chef und ich wollte mir nicht meine Zukunft versauen, wer weiß, wann man sich wieder sähe. Dass das Schwachsinn ist, merkte ich erst viel später.”

Hätte ich einen Penis, wäre mir auch diese Situation nicht passiert: “Schnucki, wie ändere ich hier nochmal den Text auf der Startseite?” – die WhatsApp riss mich aus meiner Strategieentwicklung für eben diesen Kunden, nennen wir ihn Karlo. “Hallo Karlo, kein Anschluss unter dieser Anrede, eine ‘Schnucki’ ist uns nicht bekannt. Versuchen Sie es mit dem nötigen Respekt und einer angebrachten Ansprache erneut nach dem Piepton. Piep.” Heute reagiere ich mit der nötigen Portion Humor auf solche Anreden, ich muss mich nicht abwerten lassen. Auch nicht für Kunden.

Sexismus am Arbeitsplatz und im Alltag ist Normalität für Frauen

Der Frisör schneidet schon zu lange an den Spitzen der Haare herum und berührt durch Zufall immer wieder die Brüste. Pizzaboten, die dir über deine Bestellung plötzlich Anmachen per WhatsApp zukommen lassen. Kurze Umarmungen in der Familie, die mit einem leichten Grabscher am Hintern enden, die Hand verweilt zu lange dort. Paketboten, die bei einem kleinen Paket von H&M fragen, ob du Unterwäsche bestellt hast – “sieht bestimmt voll heiß aus.” Professoren, die untereinander ausmachen, welches Mädchen dieses Semester “ihnen gehören wird” und sich um dich als wissenschaftliche und angeblich sexuell verfügbare Mitarbeiterin streiten. Kollegen, die einem Kosenamen verpassen wie “Kleine” und sagen, du würdest eine Woche im Monat sowieso nicht funktionieren. Manipulation, Überschreitungen, dumme Sprüche: Ihr Lieben, das ist leider Normalität für viele Frauen unter uns. Und das ist nicht okay.

Sollte jemand denken, dass dies Einzelfälle sind, kann er schön weiter träumen. Frauen erleben viel zu oft in Unternehmen, am Arbeitsplatz und im privaten Bereich Sexismus. Viele haben keine Ahnung, wie sie in solchen Momenten reagieren sollen. Stillschweigen? Nett lächeln? Ignoranz walten lassen? Den Mund aufmachen und riskieren, denunziert zu werden? Ich bin ganz ehrlich – ich habe keine allumfassende Lösung. Mir hat es geholfen, mit der Familie und Freunden darüber zu sprechen, die Situationen zu verarbeiten. Ganz abschütteln kann ich sie auch heute noch nicht. Heutzutage erlebe ich nicht mehr viele von ihnen, habe oft einen sarkastischen Spruch auf den Lippen und reagiere mit Argwohn männlichen Paketzustellern gegenüber.

Trag doch mal häufiger einen Rock oder ein Kleid – da freuen sich auch die Kunden und du siehst gut aus.

Liebe Kollegen: Ich will nicht “Hase”, “Schnucki” oder “Liebes” genannt werden. Behaltet eure Hände bei und eure Fantasien für euch. Das ist kein Flirten, sondern manipulative Unterdrückung von uns Frauen. 

Hattet ihr schon einmal Erfahrungen mit Sexismus am Arbeitsplatz oder in der Uni? Wie geht ihr damit um?

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Schön, dich kennenzulernen! Als Business Coach helfe ich jungen, ambitionierten Frauen dabei, ihr “Warum” im Leben zu finden und beruflich so richtig durchzustarten. Mir ist es ein großes Anliegen, gemeinsam zu wachsen und den eigenen Weg zu gehen – wie auch immer dieser aussehen mag. Um deinen eigenen Weg zu gehen, ist es unglaublich wichtig, zu wissen, wie er überhaupt aussehen soll. Was dich glücklich macht, welche Stärken du in deine Ideen einfließen lassen kannst und welche Werte dich und deine Arbeit leiten. Lass es uns gemeinsam herausfinden!

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